Nötig: Mehr Erasmus+ für die Berufsbildung
Rolf Gehring, Hattingen
Das Erasmus-Plus- und seine Vorläuferprogramme haben von Beginn an staatenübergreifend Begegnungen, kulturellen Austausch, Kooperation und Lernen ermöglicht und sind eine Erfolgsgeschichte. Was allerdings für die akademische Welt und die Studierenden an Möglichkeiten eröffnet wurde, fand für die berufliche Welt, für die Auszubildenden kaum statt. Zwar wurde mit dem ehemaligen Programm Leonardo da Vinci ein Budget aufgelegt, das für den länderübergreifenden Austausch von Auszubildenden nutzbar ist, es fehlt allerdings völlig die nötige Unterstützung, um das Programm für die durch Kleinbetriebe dominierten Wirtschaftszweige mit ihren speziellen Rahmenbedingungen nutzbar zu machen.
Für den Zeitraum 2014 bis 2020 weist die zuständige Agentur (EACEA) eine Teilnahme von 150184 Auszubildenden aus und für den gesamten Bereich der beruflichen Bildung 782 000 Teilnehmer (Ausbilder, unternehmensinterne Mobilität …). Die Auszubildenden sind hier also völlig unterrepräsentiert und noch einmal deutlich mehr unterrepräsentiert, vergleicht man die durchschnittlich 20 000 Auszubildenden, die jährlich an Mobilitätsmaßnahmen teilnehmen, mit den jährlich mehr als einer Million Studierenden, die das Erasmus+-Programm nutzen. Die durchschnittliche Verweildauer von Maßnahmen in der beruflichen Bildung beträgt 31 Tage, die im Hochschulbereich 129 Tage.
Dennoch gibt es vielfältige Versuche, insbesondere von Berufsbildungszentren die Kooperation und den Austausch von Auszubildenden mittels Erasmus+ zu entwickeln. Insbesondere EU-geförderte Projekte, auch im Rahmen des Erasmus+-Programms haben hier zur Verständigung über das Thema und die speziellen Schwierigkeiten bezüglich etwa des Alters der Auszubildenden, den unterschiedlichen Bildungssystemen, dem Zugang zu Betrieben geführt. Die anerkannten europäischen Sozialdialoge zwischen Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften in den Sektoren Holz- und Möbelwirtschaft haben Politikvorschläge ausgearbeitet, die für die Handlungsebenen (Europa / national / sektoral / betrieblich) und die Akteure (Politik / Tarifpartner / Betrieb / Bildungseinrichtungen) grob all das operationalisiert haben, was auf den verschiedenen Ebenen und von den jeweiligen Akteuren getan werden könnte, um das Erasmusprogramm leichter nutzbar zu machen.
Aktuell wird das neue Erasmus+-Programm ausgearbeitet. Das Budget soll von 26 auf 40,8 Milliarden Euro erhöht werden. Ob der Bereich der beruflichen Bildung besser ausgestattet wird, ist unklar, ob die Zugänge für kleinbetrieblich strukturierte Wirtschaftsbereiche erleichtert werden, ebenfalls. Der Wirtschafts- und Sozialausschuss (WSA) arbeitet an einer Stellungnahme zu dem Programmvorschlag, die im Entwurf vorliegt. In diesem wird die Aufstockung der Mittel auf 130 Milliarden Euro gefordert. Inhaltlich fokussiert der WSA auf die Stärkung der Maßnahmen für die Jugend außerhalb der beruflichen und der Hochschulbildung wie auch auf eine klare politisch/ethische Ausrichtung. „Das Programm soll in all seinen Aktivitäten wissenschaftliche und demokratische Bildung, staatsbürgerliche Kompetenz sowie kritisches und ethisches Denken fördern, evidenzbasierte Argumentation unterstützen und die Teilnehmer in die Lage versetzen, sich aktiv am demokratischen Leben zu beteiligen.“
Hinweise auf das Ungleichgewicht zwischen akademischer und beruflicher Ausbildung und wie die Hürden, Erasmus+ in der beruflichen Bildung zu nutzen, abgebaut werden können, finden sich in dem Entwurf bisher nicht. Vielleicht ist das aber noch korrigierbar.
Die Europäische Föderation der Bau- und Holzarbeiter hat der verantwortlichen Berichterstatterin für die Stellungnahme eine Reihe von Ergänzungsvorschlägen gesandt, die das Thema behandeln.
Im Bild ein auszubildender Gerüstbauer des Bildungszentrums Hasemann, auf einem Gerüst an der Kathedrale Notre-Dame in Paris.
Das Bildungszentrum nutzt seit Jahren das Erasmus+-Programm, um Auszubildenden die Gelegenheit zu geben, im Rahmen von zwei- oder dreiwöchigen Fahrten in anderen Ländern berufliche, soziale und kulturelle Erfahrungen zu sammeln. Frau Köhler, eine Ausbilderin des Ausbildungszentrums und Organisatorin der Erasmus+-Projekte berichtete in einem Interview über Erfahrungen und Wirkungen dieser Projekte:
„Das Fritz-Henßler-Berufskolleg ist seit 2019 für Erasmus+ akkreditiert, da es uns wichtig ist, Auszubildende bei der Erweiterung ihres Horizonts zu unterstützen. … So waren beispielsweise neun junge Gerüstbauer in Bergen (Norwegen), sechs in Linz und Klagenfurt (Österreich), drei in Istanbul (Türkei), zwei in Paris (Frankreich) und drei in Göteborg (Schweden). Es handelte sich dabei stets um Kurzzeitmobilitäten, bei denen die Auszubildenden jeweils drei Wochen in einem anderen europäischen Unternehmen verbrachten, um Berufserfahrung zu sammeln.“
„Das Hauptproblem besteht darin, Gastunternehmen zu finden … Persönliche Kontakte und ein gutes Netzwerk sind hilfreich, um geeignete Gastunternehmen in anderen europäischen Ländern zu finden.“
„Es wäre eine positive Entwicklung, wenn Erasmus+ bei Praktikanten genauso anerkannt würde wie bei Studierenden. Dies würde den europäischen Zusammenhalt fördern. Am Ende ihres Erasmus+-Aufenthalts füllen die Praktikanten einen Fragebogen aus, in dem sie regelmäßig bestätigen, dass diese Erfahrung ihr Bewusstsein als Europäer gestärkt hat. Auch nach ihrem Auslandsaufenthalt sind viele offen dafür, später im Ausland zu arbeiten und ihre beruflichen und persönlichen Erfahrungen weiterzugeben. Das Gefühl, dass dieses Europa ‚ihr‘ Europa ist, wird dadurch deutlich gestärkt. Was will man mehr?“
www.efbww.eu/eu-projects/finalised/scaffold-improving-training-working-conditions-and-transformatio/897-a. Dort aufrufbar unter dem Link: „Scaffolding Report Website Final PDF“ (S. 87/88)
Abb. (PDF): Notre Dame: Gerüstbauer
Stichwort EU: Erasmus+
Rolf Gehring, Hattingen. Bildungspolitik fällt nicht in den Zuständigkeitsbereich der EU, wird aber intensiv über die Offene Methode der Koordinierung (siehe PB 4/2025, S. 9) bewirtschaftet. In der Politik der EU im Bildungsbereich waren Kooperation und Austausch von Beginn an zentral, der Fokus lag auf der akademischen Welt. Das erste EU-Bildungsprogramm ging 1987 unter dem Namen Erasmus an den Start und richtete sich allein an Studenten. Individuelle Mobilität wird unterstützt, aber auch die strukturelle Zusammenarbeit von Bildungsträgern, Projekte der im Bildungssystem tätigen Organisationen, Curricular-Entwicklung, Bildungspraxis, Didaktik … Später wurden für alle Zweige des Bildungssystems eigene Programme aufgelegt. Diese wurden 2014 wieder in das neu aufgesetzte Programm Erasmus+ integriert. Die Mittel für das Programm wurden kontinuierliche erhöht.
Das Programm gliedert sich nach Leitaktionen, aktuell:
Leitaktion 1 – Lernmobilität von Einzelpersonen (Lernende, Lehrende)
Leitaktion 2 – Zusammenarbeit zwischen Organisationen und Institutionen (Kooperationen zwischen Bildungsträgern auf allen Ebenen)
Leitaktion 3 – Unterstützung der Politikentwicklung und der politischen Zusammenarbeit (Umsetzung der politischen Agenda der EU in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport)
Jean-Monnet-Aktionen (Kooperationen zwischen Hochschuleinrichtungen innerhalb und außerhalb Europas.)
Wie für Leitaktion 2 sichtbar, gibt es neben den themenbezogenen Zielsetzungen (Bildung/Bildungssystem) immer auch allgemeinere politische Zielsetzungen der EU, die von Nutzern des Programms berücksichtigt und verfolgt werden müssen.
Die für den aktuellen Budgetzeitraum definierten inhaltlichen Prioritäten lauten:
- Inklusion und Vielfalt
- Digitaler Wandel
- Umwelt und Bekämpfung des Klimawandels
- Teilhabe am demokratischen Leben
Im Studienjahr 2008/2009 nahmen europaweit 198523 Studenten an dem Programm teil. Im Jahr 2022 wurden rund 26 000 Projekte unterstützt, über 73 000 Organisationen profitierten. Mehr als 1,2 Millionen Studierenden, Lernenden, Professoren, Lehrkräften, Ausbildern, Jugendbetreuern und jungen Menschen wurden Möglichkeiten zur Lernmobilität gegeben. (Europäische Kommission).
Quelle: Erasmus+ – Wikipedia
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