Politische Berichte Nr.06/2025 (PDF)11
Globale Debatten - UN Initiativen

Papua-Neuguinea erklärt sich zum „christlichen Staat“

Edda Lechner, Norderstedt

Im September dieses Jahres konnte Papua-Neuguinea (PNG) das fünfzigjährige Jubiläum seiner Unabhängigkeit feiern. Dies verband das Parlament mit dem Beschluss zu einer Verfassungsänderung und erklärte sich mit 80 Für- und nur 4 Gegenstimmen zu einem „unabhängigen und christlichen Staat“. In der Präambel heißt es jetzt: „Wir anerkennen und erklären Gott, den Vater, Jesus Christus, den Sohn, und den Heiligen Geist als unseren Schöpfer und Erhalter des gesamten Universums und die Quelle unserer Kräfte und Autoritäten, die an das Volk und alle Personen innerhalb der geografischen Zuständigkeit von Papua-Neuguinea delegiert sind.“ Der persönlich sehr fromme Premierminister James Marape, der selbst der christlichen Organisation der evangelischen Sieben-Tags-Adventisten angehört, wollte gerne PNG „zur reichsten schwarzen christlichen Nation auf dem Planeten“ machen. Wenn auch solch ein wirtschaftliche Ziel in weiter Ferne liegt und kaum je durchsetzbar sein dürfte, ist jedoch das Ziel, die rund zehn Millionen Einwohner des Landes mit ihrer vielfältigen „dunklen Hautfarbe“ und einer christlichen Mehrheit von fast 97% zu einer besseren Einheit zu verbinden, schon eher erreichbar. Im Übrigen bleibt die Ausübung jeglicher anderer Religion im Sinne allgemeiner, dauernder Religionsfreiheit garantiert.

PNG liegt auf der Osthälfte der zweitgrößten Insel der Welt im Westen des Pazifik. Die moderne Geschichte des Landes begann 1884 mit der Kolonisierung durch die Briten, das Deutsche Reich, Australien und von 1942 bis 1945 zwischenzeitlich durch Japans militärische Besetzung. Erst 1975 konnte Neuguinea erfolgreich seine Unabhängigkeit durchsetzen. Die im Land vorherrschende ethnische Vielfalt auf der Grundlage vieler kleiner voneinander getrennter oder auch teilweise miteinander verbundener Stammesverbände ist im Laufe von Jahrhunderten entstanden. Bis vor kurzem wurde im Konfliktfall noch die Blutrache vollzogen, inzwischen wurde sie staatlicherseits verboten. Weltweit einzigartig ist auch die große Anzahl von 800 verschiedenen Sprachen. Das etwa 100-köpfige Parlament PNGs hofft nun – nach 50 Jahren seiner Existenz – sich mit dem Beschluss zu einer gemeinsamen christlichen Basis eine weitere dringend notwendige größere nationale Einheit zu schaffen.

Ist das eine politische Illusion, wie manch einer vermutet oder auch als staatliche und religiöse Maßnahme entschieden ablehnt oder stehen die Chancen für ein derartiges politisch-christliches Miteinander gut? Dazu muss außer der Kolonialgeschichte auch die Geschichte der Missionierung von Papua-Neuguinea in Betracht gezogen werden. Die Verbreitung des Christentums begann bereits kurz vor der Kolonisierung ab 1874 durch die „Londoner Mission“. Es folgten bis Ende des „großen missionarischen Jahrhundert“ verschiedene Konfessionen aus den USA, Frankreich, Australien und bald auch aus Deutschland. 1886 begann die deutsche Missionierung durch die lutherische „Neuendettelsauer Missionsgesellschaft“ unter schwierigsten Bedingungen in den unzugänglichen Berg- und Urwaldgebieten. Aber erfolgreich – die Ureinwohner gaben ihre angestammten Natur-Religionen zu fast 100% auf. Dazu hat beigetragen, dass die anfängliche große Konkurrenz unter den vielen verschiedenen christlichen Missionsstrategien – anglikanisch, methodistisch, evangelikal, baptistisch, lutherisch oder katholisch – schließlich zu einer intensiven ökumenischen Zusammenarbeit führte und gleichzeitig eine bewusste Beteiligung der zunächst nur passiv angesprochenen Indigenen in Lehre, Amt und Gemeindeleben stattfand. Immer mehr wichtige kirchliche und damit verbunden auch soziale, gesellschaftliche und politische Funktionen wurden an die örtlich und ethnisch gespaltenen Stammesverbände delegiert. Diese wenn auch aus der westlichen Welt übernommene Verbindung vieler verschiedener Menschengruppen, ließen in Papua-Neuguinea eine christlich bestimmte Einheit entstehen.

Das Parlament von Papua-Neuguinea hat diese Voraussetzung dazu genutzt, ihre nationale Einheit zu stärken. Die örtliche katholischen Kirche stellt sich mit harter Kritik gegen die offizielle christliche Verfassung Papuas: vor allem der Generalsekretär der Bischofskonferenz von Papua-Neuguinea, P. Giogio Licini. Seine kuriose Kritik lautet: Es mangele in diesem Land noch viel zu sehr am Ausbau des Bildungswesens, der allgemeinen materiellen Absicherung und der Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Wo auch immer in der Welt könnte sich dann ein Staat gegenwärtig eine christliche Verfassung leisten? Heute sind (mir) immerhin allein in Europa, Lateinamerika und dem Pazifik gut zwanzig Staaten bekannt, die sich offiziell christlich nennen.

Abb. (PDF): Verortung auf dem Globus

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