Politische Berichte Nr.06/2025 (PDF)22a
Kalenderblatt

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25. August 1950 Ludwigsburg – Montbéliard – „Lasst uns versuchen, gemeinsam in die Zukunft zu schauen“

30. Mai bis 4. Juni 1950 – Stuttgart: erste deutsch-französische Bürgermeisterkonferenz

Vor 75 Jahren: Die Gemeinderäte Ludwigsburg – Montbéliard stimmen für die Städtepartnerschaft

Martin Villinger, Deutsch-Französisches Institut, Ludwigsburg

.01 Deutsch-französische Städtepartnerschaften heute

Die Partnerschaft zwischen Ludwigsburg und Montbéliard wurde 1950 als erste Partnerschaft zwischen einer deutschen und französischen Gemeinde nach dem Zweiten Weltkrieg begründet und besteht noch heute. Die Bürgerinnen und Bürger haben mit ihren vielseitigen Aktivitäten ermöglicht und ermöglichen weiterhin, dass die Einwohner beider Städte erleben konnten und können, was Völkerverständigung bedeutet: Einander zu kennen, einander zu verstehen, die Sorgen des anderen zu teilen.

Bürgermeisterkonferenz im Jahr 1950 in Stuttgart

An ihrem Anfang steht die Begegnung von Lucien Tharradin (Bürgermeister von Montbéliard von 1947–1957) und Elmar Doch (Bürgermeister von Ludwigsburg von 1946–1954) bei einer Bürgermeisterkonferenz im Jahr 1950 in Stuttgart. Gemeinsam mit Fritz Schenk, dem ersten Direktor des Deutsch-Französischen Instituts (dfi) in Ludwigsburg, vereinbarten sie in einem informellen Gespräch die Aufnahme von Beziehungen beider Städte, um so ihren Einwohnern die Möglichkeit zu geben, miteinander in Kontakt zu treten.

Tharradin, der 1943 wegen Sabotageakten für den französischen Widerstand verhaftet worden war und das Kriegsende als Häftling in Buchenwald erlebte, begründete sein Engagement für eine Aussöhnung im gleichen Jahr in einem Zeitungsbeitrag mit den Worten:

„In der Dunkelheit der gegenwärtigen Stunde müssen wir einen gemeinsamen Weg zu einem wechselseitigen Verständnis suchen.“ Zugleich rief er dazu auf, nicht zu vergessen, dass man seinem Vaterland ebenso gut dienen würde, wenn man ihm Leid und Zerstörung erspare, als wenn man es mit Waffen verteidige.

Die Zivilgesellschaft beider Städte war in diese ersten Aussöhnungsinitiativen allerdings nicht eingebunden und forderte ihrerseits auch keine Beteiligung daran ein. „Am Anfange war es die Sache zweier Bürgermeister“, erklärte Otfried Ulshöfer, Oberbürgermeister von Ludwigsburg von 1968–1984, in einem Interview.

Das erste Fußballspiel 1952 in Ludwigsburg

„(…) An Weihnachten 1952 kamen auf einem Sportplatz (…) in Ludwigsburg zwei Dutzend Teenager zusammen – um Fußball zu spielen. (…) Das klingt ziemlich unspektakulär – so wie manche heute in der F-Jugend oder in der Kreisliga zum Sonntagskick gehen. Aber dieses Fußballspiel war historisch.“

Mit diesen Worten erinnerte die damalige Außenministerin Annalena Baerbock in ihrer Stuttgarter Rede zu Europa am 16. Februar 2023 an das erste Fußballspiel zwischen einer deutschen und einer französischen Jugendmannschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf deutschem Boden.

Initiiert hatten diese Begegnung auf deutscher Seite Richard Leibersberger, langjähriger Präsident der Spvgg 07 Ludwigsburg, und auf französischer Seite André Boillat vom F.C. Sochaux-Montbéliard. Den Kontakt vermittelt hatte Fritz Schenk vom dfi.

Leibersberger war aus der Kriegsgefangenschaft mit dem Wunsch zurückgekehrt, aktiv zu einer Aussöhnung zwischen den Völkern beizutragen und kann als einer der ersten zivilgesellschaftlichen Akteure der Partnerschaft gesehen werden. Von den 1950er-Jahren an organisierte er sportliche Begegnungen zwischen Ludwigsburg und Montbéliard, als er 1982 verstarb, hieß es in einem Nachruf einer französischen Lokalzeitung: „Er ist nach Montbéliard gekommen mit jedem Mittel, das sich bot, sogar zu Fuß.“

Wiederaufnahme der Beziehungen 1957

Doch zunächst zeitigten diese ersten Begegnungen keine nachhaltige Wirkung. Zwischen den Jahren 1951 bis 1956 fanden keine offiziellen Delegationsbesuche und keine weiteren Begegnungen zwischen den Bürgern statt. In einer Akte der Stadtverwaltung Ludwigsburg von 1957 heißt es lapidar: „Offensichtlich ist die Partnerschaft eingeschlafen.“

Im gleichen Jahr beschlossen beide Seiten, sie neu zu beleben und dabei nun auch die örtlichen Vereine einzubeziehen. 1958 reisten größere Delegationen, bestehend hauptsächlich aus Bürgermeistern, Gemeinderäten und Verwaltungsmitarbeitern in die jeweilige Partnerstadt, um einen kontinuierlichen Austausch miteinander vorzubereiten.

1959 fanden schließlich die ersten Begegnungen auf Vereinsebene und ein erster Schüleraustausch statt. Das zivilgesellschaftliche Engagement, das der Publizist und Politikwissenschaftler Alfred Grosser des Öfteren als „die menschliche Infrastruktur der deutsch-französischen Beziehungen“ bezeichnet hat, entwickelte sich ab diesem Zeitpunkt zum tragenden Element der Partnerschaft Ludwigsburg-Montbéliard.

Wenn man die zeitgenössische Berichterstattung liest und spätere Erinnerungen von damals Beteiligten hört, fällt auf, dass die jüngere Vergangenheit bei den ersten Kontakten bewusst ausgespart worden zu sein scheint.

So schrieb die Ludwigsburger Kreiszeitung 1950 in einem Beitrag zum ersten Delegationsbesuch aus Montbéliard: „Das Verbindende allein soll man betonen.“ Und: „Manches muss auf beiden Seiten vergessen werden.“ Lucien Tharradin verwies im gleichen Jahr auf den Grundsatz: „Die Vergangenheit ist zu düster, lasst uns versuchen, gemeinsam in die Zukunft zu schauen.“

Gerhard Ley, der als Mitglied des Harmonika-Spielrings Ludwigsburg als Jugendlicher an der ersten Reise seines Vereins nach Montbéliard im Frühjahr 1959 teilgenommen hatte, erklärte 2013, dass damalige Begegnungen unter dem Motto „Freunde, Freude, Frieden“ gestanden hätten und niemand den Krieg und seine Gräuel habe ansprechen wollen.

Offizieller Abschluss 1962

Bei einem Besuch einer Delegation aus Montbéliard in Ludwigsburg wurde die Partnerschaft am 6. Mai 1962 schließlich offiziell bekundet. In der zweisprachigen Partnerschaftsurkunde heißt es auf Deutsch: Beide Städte „erklären feierlich, zu ihrem Teil mitzuhelfen, dass die Bürger der beiden Städte sich verstehen und schätzen lernen und somit das Band der Freundschaft sich mehr und mehr festigen möge. Sie sind fest davon überzeugt, dass diese Freundschaft zwischen einer deutschen und einer französischen Stadt auch dazu beitragen wird, das gute Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich zu vertiefen. Durch die Unterzeichnung bekunden die Oberbürgermeister der beiden Partnerstädte den festen Willen zu einem in Frieden und Freiheit geeinten Europa.“

Seitdem erlebte das Paar die in einer Langzeitbeziehung üblichen Höhen und Tiefen. Großangelegte Initiativen wie sportliche Städtevergleichskämpfe konnten wegen des damit verbundenen großen Aufwands nur zweimal stattfinden, Schüleraustausche wurden erst zu Beginn der 1970er-Jahre als fester Bestandteil des gemeinsamen Handelns etabliert. Heute, 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 75 Jahre nach Beginn der Partnerschaft, erscheint die ursprüngliche Grundidee der Völkerverständigung vielen nebensächlich, viele Jugendliche finden Städtepartnerschaften antiquiert. Heute gilt es also, ihre wertvollen Strukturen, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaut wurden, in jüngere Hände zu übergeben und dabei neue Formate zu entwickeln.

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Deutsch-französische Städtepartnerschaften heute

Heute gibt es rund 20 000 Städtepartnerschaften in Europa, Frankreich und Deutschland haben jeweils mit über 6 000 die meisten Partnerschaften mit europäischen Nachbarländern. Zwischen deutschen und französischen Gemeinden bestehen rund 2.200 Partnerschaften.

In einer Umfrage im Jahr 2017

• bezeichneten 80 % der Befragten den Austausch als ein Stück gelebtes Europa

• bewerteten 76 % der Befragten die Beziehungen zur Partnerstadt als „sehr gut“

• gaben 63 % der Befragten an, dass ihre Partnerschaft stabil ist oder an Intensität gewonnen hat

• wünschten sich fast 60 % der Städtepartnerschaften dringend mehr aktive Bürger

• fuhren in rund 33 % der Partnerschaften jährlich über 70 Personen in die Partnerstadt

• waren 23 % der Teilnehmenden an Austauschen unter 30 Jahre alt

Abb. (PDF): 1962: Besuch einer Delegation aus Montbéliard in Ludwigsburg. Erste Reihe, vierter von rechts: OBM Dr.Saur, sechster: Bürgermeister von Montbéliard Dr. Tuefferd, ganz links: der damalige Direktor des dfi Fritz Schenk.

Copyright: Stadtarchiv Ludwigsburg.– Erlaubte Veröffentlichungsform: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

Quellen: • Tharradin, Lucien: Recontre de maires français et allemands à Stuttgart. – Erschienen in: Allemagne, Nr. 8, Août-Septembre 1950. – https://ludwigsburg-montbeliard.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/513 • Otfried Ulshöfer erzählt über die Anfänge des Austausches. – https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:lg3-20240318-00026-3 • Das Verbindende allein soll man betonen – Die Gäste aus Montbéliard begrüßen alte Bekannte. – Ludwigsburger Kreiszeitung, 23.09.1950. – https://ludwigsburg-montbeliard.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/280 • „Récemment disparu à Ludwigsburg : Richard Leibersberger ou la réconciliation franco-allemande par le sport“. – Erschienen in: L‘Est républicain, 10.04.1983. – https://ludwigsburg-montbeliard.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/1184 • Gerhard Ley erzählt von seinem ersten Austausch mit Montbéliard. – https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:lg3-20240318-00031-0 • Partnerschaftsurkunde vom 06.05.1962. – https://ludwigsburg-montbeliard.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/816 • Courrier du maire Boulloche au maire de Ludwigsburg. – https://ludwigsburg-montbeliard.bsz-bw.de/frontdoor/index/index/docId/848 • „Es war uns komplett egal!“: E. Mallard und D. Hauger über die Beerdigung von Sepp Dietrich. – https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:lg3-20240318-00061-7 • Städtepartnerschaften – den europäischen Bürgersinn stärken : Eine empirische Studie / Eileen Keller, Deutsch-Französisches Institut, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.). – Gütersloh : Bertelsmann Stiftung, Januar 2018, S. 11. – URL: https://www.bertelsmann-stif-tung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/EZ_Staedtepartnerschaften_2018_dt.pdf

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