Gerechter Frieden – oder doch gerechter Krieg?
Eine Analyse der „Friedens“-Denkschrift der Evangelischen Kirche
Karl-Helmut Lechner
Auf ihrer Jahrestagung in Dresden im Oktober dieses Jahres hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine neue „Friedensdenkschrift“ veröffentlicht. Unter dem Titel „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick. Evangelische Friedensethik angesichts neuer Herausforderungen“ wendet sich die EKD mit dieser Stellungnahme an ihre Kirchenmitglieder, aber auch an die breite gesellschaftliche Öffentlichkeit. Die EKD ist der Zusammenschluss von 20 selbständigen Landeskirchen und repräsentiert gegenwärtig rund 18 Millionen Kirchenmitglieder, etwa 21 Prozent der deutschen Bevölkerung. Vorsitzende des Rates der EKD ist die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs.
Was will die EKD mit diesem Papier erreichen?
Selbstbewusst formuliert die EKD: „Die Evangelische Kirche in Deutschland weiß sich in besonderer Weise dem Frieden verpflichtet. Im Vertrauen auf den Frieden Gottes setzt sie sich dafür ein, dass ein Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit möglich wird. Sie versteht diesen Einsatz als Teil ihrer öffentlichen Verantwortung. Mit dieser Denkschrift möchte sie daher zur Gewissensbildung beitragen und Orientierungspunkte geben für ein Leben aus dem Geist der Versöhnung.“
Mit dem Gewissen ist das so eine Sache. Das Gewissen ist kein fixer, im Wesen eines jeden Menschen angelegter moralischer Kompass. Vielmehr ist es – wie der Theologe Paul Tillich feststellt – historisch und sozial geprägt: „Immer und überall zeigt der Mensch so etwas wie Gewissen, aber dessen Inhalte sind einem ständigen Wechsel unterworfen.“
Werte verändern sich, und ihre Anwendung moralischer Normen ist entscheidend vom sozialen Kontext bestimmt. In der Geschichte der Kirchen zeigt sich immer wieder, wie stark deren Verhältnis zum Staat, zur eigenen gesellschaftlichen Rolle und zu politischer Macht die jeweiligen Haltungen zu Militär, Gewalt und Krieg beeinflussten und das Gewissen beeinflussten. Dann aber wird verständlich, welch erstaunliche Wandlungen die kirchlichen Aussagen im Lauf der Zeit machen.
Von der frühen Kirche zur Staatskirche
Die frühe Christenheit positionierte sich sehr grundsätzlich ablehnend gegenüber staatlicher Gewalt. Sie verstand sich im Widerspruch zu den Gewaltstrukturen des Römischen Reiches; sie hoffte auf den endzeitlichen Frieden Gottes. Der Kirchenvater Tertullian (150 bis 220) wandte sich entschieden gegen christliches Soldatentum: „So hat der Herr allen Soldaten die Waffe genommen, als er Petrus entwaffnete.“ Kaum aber war das Christentum unter Kaiser Konstantin (306 bis 337) zur Staatsreligion des Römischen Reiches geworden, konnte Athanasius der Große (295 bis 373) in einem Brief an den Einsiedler Amun schreiben: „So ist es z.B. nicht erlaubt zu tödten; aber im Kriege die Gegner zu erschlagen ist nicht nur von dem Gesetze erlaubt, sondern auch lobenswürdig. Daher werden die, welche im Kriege sich auszeichnen, mit großen Ehren belohnt …“ – was für ein Bruch mit der frühen Tradition! Auch wenn in den nachfolgenden Jahrhunderten Päpste und andere Herrscher das theologische Zepter schwingen konnten: Die Gewalt ablehnende Haltung Jesu oder von Gestalten wie Franziskus von Assisi (118 bis 1226) blieb immer in der Kirche virulent und gegenwärtig.
Zentrale Aussagen der Denkschrift
Die EKD schreibt mit einer sachlichen Kühle: „Christlicher Pazifismus ist als allgemeine politische Theorie nicht zu begründen“. Es ist dieser Satz, der durch die Presselandschaft flatterte. Die Frankfurter Allgemeines Zeitung (FAZ) sprach offen, voll des Lobes, von einem „Bruch“, und titelte sogleich: „Die Evangelische Kirche bricht mit ihrer Friedensethik“. „Wenn man die Frage von Krieg und Frieden in langen Linien betrachtet, bildet die neue Denkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) eine Zäsur. Der Text und auch die Kirchenleitung geben sich zwar alle Mühe, diesen Bruch mit der Beteuerung zu verschleiern, dass die bisherige Friedensethik der EKD bloß ‚aktualisiert und konkretisiert‘ werde und es sich lediglich um ‚Neuakzentuierungen‘ der bisherigen Lehre handele. Doch wenn man die … Denkschrift neben die bisher gültige Denkschrift aus dem Jahr 2007 legt oder die spätere Friedens-Kundgebung der EKD-Synode von 2019, lässt sich der inhaltliche Bruch schwerlich übersehen. Die evangelische Kirche verabschiedet sich mit ihrem neuen Papier vom Pazifismus, sofern man diesen als politische Lehre begreift.“
Tatsächlich liest sich die Denkschrift an manchen Stellen fast wie ein sicherheitspolitisches Dokument:
Ohne es zu kennzeichnen, übernimmt die EKD die Bestimmung der Gefahrenlage der Regierung. Sie diskutiert in diesem Zusammenhang sogar das Recht zu „präemptiver“, also präventiver Gewaltanwendung (Ziffer 58).
Da in der Denkschrift Selbstverteidigung als legitim angesehen wird, ergibt sich daraus die Notwendigkeit militärischer Rüstung, um Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit gewährleisten zu können (Ziffer 75). Die Denkschrift stellt fest, dass „eine ausreichende Ausstattung der Bundeswehr für einen Verteidigungsfall“ derzeit nicht gegeben (Ziffer 59) sei. Und ein „Ja“ zur Rüstung bedeutet für die Denkschrift ein „Ja“ zum Dienst: Wenn es Pflicht eines Staates ist, seine Bürger:innen vor Aggression zu schützen, vertritt die Denkschrift die ethische Pflicht der Einzelnen, sich für die Sicherheit des Gemeinwesens einzusetzen und „Dienst zu leisten“. (Ziffer 163f.) Wie wir oben gesehen haben: Kriegsdienstverweigerung ist folgerichtig „ethisch nicht zu legitimieren“.
Die Denkschrift bietet aber noch eine Eskalationsstufe mehr und vollzieht die Revision der Position der Denkschrift von 2007 hinsichtlich der nuklearen Abschreckung. Hatte sie damals formuliert, dass nukleare Abschreckung zwar „noch“ erlaubt sein könne, beschreibt das neue Dokument ein „Dilemma“: Atomwaffen sind ethisch zwar zu verwerfen, aber der einseitige Verzicht auf nukleare Abschreckung sei „in der jetzigen konkreten politischen Situation wiederum kaum politisch zu vertreten“ (Ziffer 145). Außer Acht lässt die EKD, dass der nukleare Handlungsspielraum der Bundesrepublik durch Verzichtserklärungen begrenzt ist: Durch den Atomwaffensperrvertrag von 1975 und den „Zwei-plus-vier-Vertrag“ von 1990, in dem es heißt: „Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihren Verzicht auf Herstellung und Besitz von und auf Verfügungsgewalt über atomare, biologische und chemische Waffen. Sie erklären, dass auch das vereinte Deutschland sich an diese Verpflichtungen halten wird.“ Für eine Kirche, die 2019 noch von „Schritten zur Überwindung militärischer Logik“ sprach, ist das ein bemerkenswerter Schwenk.
Es gibt kirchlichen Widerstand
Die protestantische Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung widerspricht der Argumentation der Denkschrift. Sie selbst versteht sich in der Tradition der Friedensbewegung von DDR und BRD. Scharf formuliert sie: „Pazifismus wird zum frommen Fundamentalismus deformiert … Besonders empört sind wir, ost-westdeutsch verankert, über die Desavouierung der friedensstiftenden, also pazifistischen Bestrebungen in und außerhalb der Kirche … Die Verniedlichung des christlichen Pazifismus als ‚Ausdruck gelebter Frömmigkeit‘ (Ziffer 14) beleidigt die Menschen, die friedensethisch fundiert und wissenschaftlich informiert politische Impulse für eine friedenslogisch praktikable Sicherheitspolitik geben.“ Und belegt dies aus der Denkschrift, wo es heißt: „… der Einschätzung (ist) zu widersprechen, dass der Dienst ohne Waffe das deutlichere Zeichen des Christseins darstelle. Diese in der Situation einer Armee als Instrument einer Diktatur getroffene und darum sehr verständliche Feststellung, die in der Handreichung ‚Zum Friedensdienst der Kirche‘ 1965 formuliert wurde, ist unter den Bedingungen des liberalen Rechtsstaats der Bundesrepublik und den Herausforderungen der Gegenwart nicht mehr aufrechtzuerhalten“ (Ziffer 177). Dies sei eine Ohrfeige für die Bausoldaten und die gesamte christliche Friedensbewegung in der DDR, stempele sie nachträglich zu nützlichen Idioten und relativiere zugleich für heute das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung. „Schwerter zu Pflugscharen“ war das bekannteste Symbol der DDR-Friedensbewegung. Es bezog sich auf das Bibelwort des Propheten Micha: „…sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen …“
Die Welt ist aus den Fugen
Was ist der Grund für die Abkehr von früheren Positionen der EKD? „Die Welt ist aus den Fugen geraten.“ Sie werde „immer kriegerischer und brutaler“, schreiben die VerfasserInnen der Denkschrift. Der russische Einmarsch in die Ukraine 2022 habe „Europa wachgerüttelt“. „Demokratische Gesellschaften“ seien zunehmend der „Destabilisierung durch hybride Kriegführung“ ausgesetzt. „Terrorakte“ würden die Grenze zwischen militärischen und zivilen Bedrohungen verwischen, und das mache es „Staaten schwer, angemessen zu reagieren“.
Das alte Dilemma der Schuld
Natürlich wissen die VerfasserInnen, dass dieser Paradigmenwechsel nicht ohne theologische Rückversicherung funktioniert. Also greift die Denkschrift zu einem klassischen protestantischen Motiv: der Unausweichlichkeit menschlicher Schuld. In einer „unerlösten Welt“ werde jede Entscheidung – Pazifismus wie Verteidigung – den Menschen schuldig machen. Ein tröstlicher Gedanke folgt allerdings sofort: Wer „im Rahmen der Rechtsordnung“ entscheide, sei „rechtlich und moralisch ohne Schuld“ – wenn auch nicht unbedingt vor Gottes Augen. Ein raffinierter Satz. Einer, der beiden Seiten schmeichelt: dem Staat, der handeln muss, und der Kirche, die entlasten kann.
Zwischen Bergpredigt und realpolitischer Nüchternheit
Man muss kein Theologe sein, um zu ahnen, dass die neue Denkschrift nicht im Einklang mit den großen Worten Jesu steht: „Liebet eure Feinde“, „selig sind die Frieden stiften“, „selig die Barmherzigen“. Aber die EKD sieht sich in guter Gesellschaft. Der Reformator Martin Luther (1483 bis 1546) selbst winkte einst ab: Die Bergpredigt sei etwas für das persönliche Leben, aber gewiss nicht für die Regierungskunst. Kurz um, Luthers Urteil war: „Damit kann man die Welt nicht regieren …!“ Das Regieren aber ist für ihn die Aufgabe der von Gott eingesetzten „Obrigkeit“.
Die Logik des gerechten Krieges – neu kostümiert
Am Ende führt die Denkschrift selbst zurück zur uralten kirchlichen Lehre vom „Gerechten Krieg“. Zwar spricht die EKD lieber vom „gerechten Frieden“, doch frappierend ähneln sich die Kriterien. Ausführlich argumentiert sie: „Die rechtserhaltende Gewalt … sichert die internationale Rechtsordnung“. Zwar wird die theologische Argumentation eines „gerechten Krieges“ zurückgewiesen. (Ziffer 38) „Allerdings dienen die Kriterien, die in der Tradition dieser Lehre entfaltet wurden, weiterhin als Maßstäbe für die ethisch legitimierbare Anwendung von (Gegen-)Gewalt als ultima ratio.“
Somit kann Gewalt wieder gerecht sein: solange sie dem übergeordneten Frieden dient. Rechtser-haltende Gewalt, Abschreckung, Pflicht zum Dienst – das alles klingt weniger nach dem Mann aus Nazareth als viel mehr nach lutherischer orthodoxer Staatsdoktrin. Genau darum fühlen sich friedensbewegte Christen durch die Aussagen der Denkschrift so sehr gekränkt. Die wenigsten unter ihnen sind ja absolute Pazifisten, die immer gleich die „andere Backe hinhalten“. Sehr wohl kennen sie den Unterschied zwischen der Aggression eines Angriffskrieges und dem Verteidigungsfall. Aber sie fürchten durch eine staatstragende theologische Argumentation und die Nähe ihrer Kirche zum Staat unversehens und undurchschaubar in einen Angriffskrieg hineingezogen zu werden. Denn die „Obrigkeit“, so zitiert ja Luther den Apostel Paulus im Römerbrief: „sie trägt das Schwert nicht umsonst“, und die EKD legitimiert mit diesem Dokument ausdrücklich das staatliche Handeln. Also nichts da mit der Verweigerung gegenüber dem Zugriff der Herrschenden!
Die Denkschrift zeigt eine Kirche, die sich nahe an die staatliche Sicherheitslogik heranschiebt – so nah, dass ein Generalmajor auf der Synode lobend von einer „überfälligen Klärung“ sprechen konnte. Ja, sie bildet Gewissen – sie entlastet diejenigen, die über Gewalt entscheiden. Denn es geht „um das Problem, wie Soldatinnen und Soldaten befähigt werden können, eine militärische Auseinandersetzung erfolgreich zu bestehen.“ (Ziffer 59)
Abb. (PDF): Cover der Denkschrift. Die Denkschrift unfasst 149 Seiten im Taschenbuchformat und ist hier zu finden: https://www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/denkschrift-welt-in-unordnung-EVA-2025.pdf
Abb. (PDF): Quelle / Lizenz: „Schwerter zu Pflugscharen“; Jewgeni Wutschetitsch; Geschenk der Sowjetunion an die UNO 1959.Bild auf Wikimedia Commons, Lizenz: CC BY SA 3.0.
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