Zum Tode von Micha Brumlik
(1947–2025)
Florian Weis, Berlin. Bemerkenswert viele Nachrufe sind zum Tode von Micha Brumlik am 10. November 2025 erschienen, in der „FAZ“ ebenso wie in der „taz“, in der „Jüdischen Allgemeinen“ und in vielen anderen Medien. Einige schilderten eine intensive persönliche Beziehung, wie etwa Julius H. Schoeps. Die „taz“ stellte nach Micha Brumliks Tod vieler der Artikel in einem Dossier zusammen, die er im Laufe der Jahrzehnte für diese Zeitung veröffentlichte. Alex Demirović beschrieb Micha Brumlik im „nd“ als einen „linken Kantianer.“
Würde und Selbstbestimmung seien, so Tania Martini in der „FAZ“, die Begriffe, unter denen sich sowohl Brumliks pädagogische Arbeit als auch sein politisches Denken am besten zusammenfassen ließen, und Kant, formuliert auch sie, sein zentraler Denker.
Und Kant nimmt schließlich auch in Brumliks beim VSA-Verlag erschienenen Buch „Postkolonialer Antisemitismus? Achille Mbembe, die palästinensische BDS-Bewegung und andere Aufreger. Bestandsaufnahme einer Diskussion“ einen wichtigen Platz ein. Teile dieses Buches hat die Rosa-Luxemburg-Stiftung ins Englische übersetzen lassen, um einen Beitrag für Diskussionen gerade in (Süd-)Afrika zu leisten.
Mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung kooperierte Micha Brumlik wiederholt, so etwa als Vertrauensdozent für das Studienwerk der RLS – und anderer Fördereinrichtungen wie dem Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk –, bei Vorstellungen seines Buches „Wer Sturm sät. Die Vertreibung der Deutschen“ 2005 und als Gesprächspartner bei einer Buchvorstellung von Peter Ullrich zu „Deutsche, Linke und der Nahostkonflikt“ 2013.
Es ist schwierig, in Nachrufen keine floskelhaft geronnenen Würdigungen zu verwenden. Im Falle von Micha Brumlik treffen „streitbarer Intellektueller“ und „public intellectual“ tatsächlich zu. Alex Demirović schreibt über Brumlik, er sei ein „unglaublich aktiver Intellektueller“ gewesen: „als Wissenschaftler, als Leiter des Fritz-Bauer-Instituts, als Politiker, als Publizist“. Und Tania Martini nennt Brumlik überzeugend eine „Stimme der aufgeklärten Vernunft“.
Micha Brumlik wurde in Davos in der Schweiz geboren, wohin seine Eltern vor den Nazis fliehen mussten. 1952 kehrten sie nach Frankfurt am Main und damit in das Land der Täter zurück, auch wenn das sozialdemokratische Hessen unter Ministerpräsident Georg-August Zinn und mit dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ein wenig fortschrittlicher als die meisten Teile der Bundesrepublik Deutschland war. Nach eben jenem Fritz Bauer wurde das Institut zur „Geschichte und Wirkung des Holocaust“ benannt, dessen Direktor Micha Brumlik von 2000 bis 2005 war. Die Befassung mit Völker- und anderen systematischen Massenverbrechen hat Brumlik über Jahrzehnte hinweg beschäftigt, so auch in „Wer Sturm sät“, in dem auf Namibia, Armenien und den Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden eingegangen wird. Der Leitung des Fritz-Bauer-Instituts vorausgegangen war eine Professur für Erziehungswissenschaften in Heidelberg, später lehrte er in Frankfurt am Main. Nach seiner Pensionierung 2013 wurde er Senior-Professor am Selma Stern Zentrum in Berlin.
Brumlik ging nach dem Abitur als Zionist nach Israel und wandelte sich dort zum linken Antizionisten. Martini charakterisiert seine später Haltung als „postzionistisch“. Treffender wäre es vielleicht, von einem Schwanken, Changieren zwischen Positionen zu sprechen, zu denen ein radikaler Antizionismus nicht mehr gehörte, mehr vielleicht eine mal stärkere, mal schwächere Solidarisierung mit Israel bei gleichzeitiger scharfer Gegnerschaft zur israelischen Besatzungspolitik und Rechtsentwicklung. Dieses Schwanken war weniger Ausdruck von Sprunghaftigkeit als je unterschiedlicher politischer Situationen in Bezug auf die israelische Politik einerseits, antisemitische Strömungen andererseits.
Micha Brumlik engagierte sich in den 1980er Jahren auch aktiv in der dezidiert linken „Jüdischen Gruppe“ in Frankfurt am Main. Der Gruppe gehörten neben Micha Brumlik so prominente Personen wie Cilly Kugelmann, Dan Diner, Susann Heenen-Wolf, Dalia Moneta und andere an. Die Zeitschrift „Babylon. Beiträge zur Jüdischen Gegenwart“ war in gewisser Weise ein Folgeprojekt, wiederum unter starker Mitwirkung von Micha Brumlik.
Zwei seiner letzten Bücher waren der bereits erwähnte VSA-Band „Postkolonialer Antisemitismus?“ sowie das kleine Reclam-Bändchen „Antisemitismus. 100 Seiten“. In seiner hochanspruchsvollen Knappheit ist dies eine bemerkenswerte Überblicksdarstellung und eine gute Grundlage für etwas, das in verschiedenen „Lagern“ der Antisemitismus-Kontroversen oft fehlt, eine auf Sorgfalt fußende, seriöse Debattenkultur. Brumlik versteht hier die zunehmend aggressive Judenfeindschaft ab dem 11. Jahrhundert aus den beginnenden starken Umbrüchen dieser Gesellschaften heraus:
„In dieser Umbruchszeit wurden die Juden zu klassischen Sündenböcken, die in einer Jahrhunderte währenden Leidenszeit immer wieder den Preis für die Unbill derer zu zahlen hatten, die unter den massiven gesellschaftlichen Umbrüchen litten.“ (S. 27) Einen mithin wesentlich – wenn auch nie ausschließlich – in ökonomischen und sozialen Umbrüchen und Verwerfungen wurzelnden Erklärungsansatz verfolgt Brumlik auch für spätere Phasen des Antisemitismus.
Auch Brumliks 2022 in zweiter aktualisierter Auflage erschienenes Buch „Postkolonialer Antisemitismus?“, eine ob der Breite der Themen, der Tiefe der philosophiehistorischen Betrachtungen und der vielen Exkurse anspruchsvolle Lektüre, leistet etwas, was oft fehlt: Einen Vergleich, eben keine Gleichsetzung, von Shoah, anderen Genoziden und Massenverbrechen; so systematisch und nüchtern, wie es die bitteren Gegenstände dies irgend zulassen. Damit werden allzu oft bekenntnishafte Diskussionen, die kaum mehr Debatten genannt werden können, überschritten. In diesem Buch fand sich noch einmal vieles von dem, was Brumlik ausmachte: Das Wissen um und die Annahme von Widersprüchen und Dilemmata, die Bereitschaft, sich auf objektiv schwierige und schmerzhafte Fragestellungen einzulassen und sie durch beharrliche Vertiefung überprüfbar und somit diskutierbar zu machen.
In den extremen Verhärtungen nach dem Hamas-Massaker und der israelischen Kriegsführung im Gaza-Streifen fehlt die Stimme von Micha Brumlik.
Abb. (PDF): Micha Brumlik bei der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille (2016).
Foto: https://de.wikipedia.org/wiki/Micha_Brumlik
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