Politische Berichte Nr.06/2025 (PDF)29
Demokratie verteidigen

Leben in Angst – Gewalt gegen Obdachlose nimmt weiter zu

Christiane Schneider, Hamburg

Seit Beginn der statistischen Erhebung 2011 hat sich die Zahl der in der Polizeilichen Kriminalstatistik erfassten Straftaten gegen Obdachlose mehr als verdreifacht. Im Jahr 2024 stieg sie erneut, von 2180 auf 2194. Das ergab eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag (Drs. 21/2183). Experten gehen davon aus, dass die tatsächlichen Zahlen um ein Vielfaches höher sind. Viele von Gewalt betroffene Obdachlose zeigen, häufig aufgrund schlechter Erfahrungen mit der Polizei, Straftaten nicht an. Die meisten Angriffe auf Obdachlose finden in Großstädten statt: Allein in Berlin wurden 498 Straftaten erfasst, mehr als in Baden-Württemberg (210), Bayern (394) oder NRW (351). Überproportional betroffen sind obdachlose Frauen, die häufig (über 50%) „sexuellen Belästigungen, sexuellen Übergriffen und Vergewaltigungen“ ausgesetzt sind, wie eine Untersuchung von 2021 aufzeigte.

Bei den meisten Straftaten handelt es sich um einfache Körperverletzung, doch immer wieder kommt es auch zu brutaler Gewalt, Totschlag oder Mord. Ein Teil der Straftaten geht auf Streitigkeiten im Milieu zurück, etwa bei Auseinandersetzungen um Schlafplätze oder andere knappe Ressourcen. Doch bedrohlich sind vor allem die zunehmenden Hasstaten von Nicht-Obdachlosen.

Dabei ist das Leben der auf der Straße lebenden Obdachlosen ohnehin brutal anstrengend. Schon die Organisierung von Essen oder der Toilettengang kosten viel Kraft. Die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie waschen, trinken, sich aufwärmen oder Mobilität sind mit großen Hürden verbunden. Der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg z.B. schließt „verschmutzte und übelriechende Personen“ von der Beförderung aus. Die gesundheitliche Versorgung ist trotz ehrenamtlicher Hilfe von Ärzten völlig unzureichend. Rückzugmöglichkeiten gibt es für Obdachlose nicht. Immer wieder hört man von Versuchen, Obdachlose aus den Innenstädten zu vertreiben, aktuell z.B. in Dortmund, wo Mitte November 100 Obdachlose gegen die Vertreibungspolitik demonstrierten. Beleidigungen und Beschimpfung sind an der Tagesordnung. Diskriminierung und Exklusion prägen den Alltag der Obdachlosen.

Im faschistischen Deutschland waren Obdachlose und Bettler als „Asoziale“ aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen. Zehntausende wurden in KZs eingeliefert, viele von ihnen ermordet. Nach der Niederlage gab es in der BRD wie in der DDR noch jahrzehntelang repressive Gesetze gegen „Arbeitsscheue“, „Herumtreiber“, „Asoziale“. Das letzte „Arbeitshaus“ in Westdeutschland, in das „Arbeitsscheue“ eingewiesen werden konnten, wurde erst Mitte der 1970er Jahre geschlossen. Als Opfer des Nationalsozialismus anerkannt wurden Obdachlose wie auch andere als „asozial“ Verfolgte erst am 13. Februar 2020. Die sozialdarwinistischen Ressentiments, die auf der Ungleichwertigkeit von Menschen beharren, verschwanden damit nicht. In der öffentlichen Wahrnehmung stehen Obdachlose ganz unten, sozialdarwinistisch abgewertet als „überflüssig“ und „nutzlos“.

Die BAG Wohnungslosenhilfe zählt von 1989 bis Mai 2025 300 obdachlose Opfer tödlicher Gewalt, verübt von Nicht-Wohnungslosen oder Unbekannten. Vor allem in den 1990er Jahren, den „Baseballschlägerjahren“, und in den letzten Jahren, die durch eine zunehmende Rechtsentwicklung und ein beunruhigendes Erstarken der AfD geprägt sind, war bzw. ist die Zahl der rechten Gewalttaten hoch. Unter den Tätern befinden sich viele Jugendliche und junge Männer, enthemmt brutal, oft mit explizit extrem rechtem Hintergrund. Täter rechtfertigen sich häufig damit, die Opfer hätten das „verdient“. Sie können sich von der öffentlichen Meinung bestätigt fühlen: In einer Befragung gab ein Drittel der Befragten an, Obdachlose sollten aus den Innenstädten vertrieben werden, damit man sie nicht mehr sehen müsse. Seit der Bielefelder Langzeitstudie (2002 bis 2012) wird Obdachlosenfeindlichkeit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zugerechnet. Trotzdem wird der politische Hintergrund von Gewalt gegen Obdachlose von Polizei und Justiz zu oft nicht gesehen.

Die Linken-Abgeordnete Mirow fordert die Bundesregierung auf, den Schutz der Obdachlosen durch Bereitstellung von sicherem Wohnraum und spezifische Bundeshilfe für Opferberatungsstellen sicherzustellen. Ohne zivilgesellschaftliches Engagement wird die Regierung wie alle ihre Vorgängerinnen einiges versprechen und wenig halten.

Abb. (PDF): Foto: Demonstration mit Banner „Eine Brücke ist kein Zuhause“

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