EU-Klimaschutzprogramm und Fortschritte in Stadt und Land
Michael Juretzek, Bremen.
Kurz vor Abflug der EU-Delegation zur 30. UN-Klimakonferenz in Belem, Brasilien, hat das EU-Parlament nochmals bekräftigt, dass „die EU eine führende Rolle in den internationalen Klimaverhandlungen behalten müsse. Alle Sektoren müssten zur Emissionsminderung und zur Klimaneutralität beitragen.“1. Gemeint sind damit Stromerzeugung 27,4%, Verkehr 23,8%, Industrie 20,3%, Wohnen und Gewerbe 11,9%, Landwirtschaft 10,8% usw. (alle Angaben zum Anteil an der gesamten CO2-Erzeugung in der EU 2022).
Bei weltweit steigenden Werten, dieses Jahr + 1,1%, geht die Bilanz der EU in die andere Richtung. Die Emissionen haben sich laut Umwelt Bundesamt in der EU von 1990 mit 4.873 Mio. t um 36% auf 3.106 Mio. t verringert.2. Die Daten der Emissionen werden staatenweise erhoben, entstehen jedoch durch Stromverbrauch, Verkehrsleistung, Gebäudeheizung und Produktion ganz wesentlich örtlich, weltweit 70% in Städten. Z.B. entfallen 62% der privaten Verkehrskilometer in Deutschland auf Stadtregionen, bei Wegelängen unter 10 km (70%) und 50% sogar unter 5 km. Da drei von vier EU-Bürgern in Städten wohnen, ist hier ein bedeutendes Handlungsfeld zur weiteren Verminderung der CO2-Emissionen unter dem Motto „Global denken – lokal handeln“.
2020 hat die Europäische Kommission ein Förderprogramm „100 klimaneutrale Städte – von und für die Bürger“ aufgelegt
„Eine Mission in diesem Bereich würde bis 2030 100 europäische Städte in ihrer systemischen Transformation in Richtung Klimaneutralität unterstützen, fördern und präsentieren und diese Städte zu Experimenten und Innovationszentren für alle Städte machen.“ 2024 ergänzte sie ihre Mission mit einer „Klimastadt-Kapitalplattform“, auf der u.a. „die EIB [Europäische Investitionsbank] ein Darlehensvolumen in Höhe von 2 Mrd. EUR für Städte, die das Missionssiegel führen, für geplante Investitionen in energieeffiziente Gebäude, Fernwärmesysteme, erneuerbare Energien, nachhaltige Mobilität, Stadterneuerung und -sanierung, Wasserversorgung und soziale Infrastruktur“ bereitstellt.3.
Stadtverwaltung und Zivilgesellschaft von Kopenhagen bilden ein erfahrungsreiches und mutmachendes Beispiel für Machbares.
STADT – Kopenhagen: Als der Klimaplan KBH 2025 im Stadtparlament 2012 zur Abstimmung stand, gab es Skepsis und Kritik – und keine Gegenstimme.
Durch gezielte Maßnahmen in den Bereichen Energieverbrauch, Energieerzeugung, Mobilität und Verwaltung wollte die Stadt bis 2025 klimaneutral werden. Geschafft wurde bis Mitte des Jahres eine 80prozentige Reduzierung von 2 Mio. t auf 486 000 t CO2. Bremen liegt, bei aller Vorsicht im Vergleichen, mit 15 t pro Einwohner 20mal höher als Kopenhagen mit 0,7 t. Mit der Umstellung von Kohle auf Biomasse und Müll und dem Ausbau des Fernwärmenetzes werden fast 90% der Haushalte versorgt. Zu kostspieligen privaten Wärmedämmungen im Bestand bietet das eine Alternative. Die Stromproduktion erfolgt durch Kraft-Wärme-Kopplung, Windkraft und Photovoltaik zu 62% aus erneuerbaren Energien. 62% der Wege werden auf einem zu 400 km ausgebauten Fahrradnetz zurückgelegt, 21% durch Nutzung von Metro, die alle drei Minuten verkehrt und eine elektrifizierte Busflotte. Den restlichen 17% durch PKW-Nutzung stehen kostenfreie Ladestationen und Parkplätze für E-Fahrzeuge zur Verfügung. Gegen alle Widerstände, besonders der Zentralregierung, und Rückschläge war nach Klimaexperte Dyck-Madsen wichtig: „Entscheidend war der Rückhalt aus der Bevölkerung“. Und „Kopenhagen hat viele inspiriert“. Chinesische Metropolen bauten Fernwärmenetze nach Kopenhagener Vorbild, New York neue Radwege.4
LAND – Nechlin: Die 17 Windräder im brandenburgischen Nechlin wurden früher bei starkem Wind abgeregelt.
5% der möglichen Strommenge wurden nicht genutzt. Eine dörfliche Initiative hat durch Bau eines 1 Mio. Liter großen Wasserspeichers und der Verlegung eines Nahwärmenetzes zu 35 Häusern diesen Strom nutzbar gemacht. Seit 2020 liefern die Windräder den „überschüssigen“ Strom für einen Durchlauferhitzer des Speichers und erwärmt das Heizungswasser auf 93 Grad. „Der Windwärmespeicher wird nur mit dem Strom gefüllt, für den es sonst keine Abnehmer und keine Netzkapazität gibt … Der Windwärmespeicher besitzt eine Gesamtkapazität von 38 000 kWh. Einmal aufgeheizt und aufgeladen, kann er Nechlin für bis zu zwei Wochen versorgen. Da es alle ein bis zwei Wochen regelmäßig sehr windig ist, kann das Dorf mit dem Windwärmespeicher vollständig erneuerbar beheizt werden,“5 schreibt die Initiative und regt an: „Tausende von Dörfern und Kleinstädten im ganzen Norden Deutschlands können so wie hier günstig und CO2-frei beheizt werden“.
Quellen, auch Abb.: 1. www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20251016IPR30964/cop30-parlament-legt-forderungen-fur-globale-klimaverhandlungen-vor; 2. www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/384/bilder/dateien/5_tab_thg-emi-eu-27-kategorien_2025-10-08.pdf; 3.https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/ip_24_3482; 4.www.republik.ch/2025/05/21/erfolgreich-gescheitert; 5. https://enertrag.org/wp-content/uploads/2020/02/Tafeln-am-Windw%C3%A4rmespeicher-Nechlin.pdf
Abb. (PDF): Logo EU_Missions sowie Situation Stadt: Kopenhagen undSituation Land: Nechlin
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